Kyoto die Zweite – unter Kirschblüten

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Mein erstes Mal Kyoto ist jetzt schon ne ganze Weile her – und dann auch noch in einer der schönsten Zwei Jahreszeiten (und JA! Kirschblüten sind eine EIGENE JAHRESZEIT!)

Die Stadt an sich ist eigentlich ganz hübsch (ich glaube solche Ausdrücke können nur von Frauen kommen..), aber im Sommer empfand ich sie weitestgehend als recht uninteressante und trockene Wüste. Einzig die Tempel ein wenig außerhalb und mit viel Grün ließen einen die Sommerhitze ein wenig vergessen.

Im Frühling dagegen war die ganze Stadt wie im Rausch. Überall Deko, bei Abend beleuchtete Kirschbäume, kleine Feste, große Feste, Konzerte, Hanami und diese unglaubliche Blütenpracht!

Nach unserer Ankunft verschlägt es uns ersteinmal in den Kyomizudera. Die Sonne knallt gnadenlos auf uns herab und wir quälen uns den engen Weg zum Tempel hinauf. Wenn man den Kopf in den Nacken legt, kann man sogar die Spitze der Pagode hervorragen sehen! Aber irgendwie kann ich mich nicht so recht begeistern, denn wir schwimmen in einer riesigen Menschenmasse. Eigentlich könnte ich auf dem gesammten Weg die Beine anziehen und würde trotzdem oben angekommen. Schlimmer als Tokyos Rushhour – nur in zwei Richtungen. Ich gebe mir also Mühe nicht zerquetscht zu werden und meinen Kerl nicht aus den Augen zu verlieren. Garnicht so einfach. Und dann sind da noch so unglaublich viele Gaijin! Ich habe Angst..

Tatsächlich ist es so, dass die meißten längerfristigen Japan Reisenden ein gewisses Terretorialverhalten aufweisen. Ein anderer Gaijin würde das Gleichgewicht stören. Daher auch der berühmt berüchtigte Gaijin-beam. Mehr dazu irgendwann mal in der Kategorie „du weißt, dass du zu lange in Japan warst, wenn..“

Die Menschenmassen schieben uns immer weiter. Durch das Eintrittstor hindurch, an den Kassen entlang zum Eingang, durch den Rundgang und schließlich wieder zum Ausgang und den Berg hinunter. Wir können uns Rettungsinsel mäßig gelegentlich an die Seite retten und ein paar Fotos machen, ab und zu findet sich auch mal ein Fleckchen ohne Kirschblüte (spürbar daran, dass sich dort keine Menschenmassen versammeln).

Wir entdecken noch ein kleines Schild, das uns darauf hinweist, dass die Öffnungszeiten Abends verlängert wurden wärend der Kirschblüte. Zur Kenntnis genommen – und weiter gehts.

Jetzt tapern wir den Philosophers walk (哲学の道/Tetsugaku no Michi) entlang um zum 1. – noch mehr Kirschblüten zu sehen, und 2. – zum Ginkakuji und Kinkakuji zugelangen.

Der Ginkakuji (Silberner Tempel) ist ein schöner dunkler Holztempel, der seinen silbernen Glanz schon vor langer Zeit verloren hat.Bei der Restauration in 2008, entschied man sich dagegen den Lack wieder herzustellen, der dem Tempel einst seine silberne Erscheinung gab, und so sieht man heute nur den Ursprünglichen Tempel, so, wie ihn sein Erbauer Ashikaga Yoshimasa (足利 義政) zuletzt vor seinem Tod gesehen hatte.
Selbst ohne die Lackierung strahlt der Tempel noch immer eine unglaubliche Kraft und Ruhe aus.

Im Gegensatz zum Silbernen Tempel, protzt der Kinkakuji (goldener Tempel) gradezu mit seinem Glanz! Das strahlende Gold reflektiert sich in Lichtspielen im Wasser des davor gelegenen Sees. Ich kann mir den Gedanken nicht verkneifen „was wäre, wenn so ein Tempel hier in Deutschland stehen würde?“ Ich glaube nicht, dass er lange golden bleiben würde….

Weiter zum Ryoan-ji (竜安寺)
bekannt vor allem für seinen riesigen Steingarten.
Das Interessante – es befinden sich 15 große Steine in dem Steingarten in einer speziellen Anordnung. Von einer Art Veranda aus kann man den Garten bewundern, jedoch ist es unmöglich alle Steine von einer Position aus zu sehen. Eine Legende sagt, dass erst wenn man Erleuchtung gefunden hat, man alle 15 Steine gleichzeitig erblicken kann. Wir bleiben allerdings nur kurz beim Steingarten, bewundern ihn angemessen und gehen dann ein kleines Stückchen weiter- heraus aus der Menschenmasse. Eigentlich gehen wir nur um eine Ecke und setzten uns dort auf die Veranda, aber plötzlich sind wir dort allein. Es gibt fast nichts schöneres, als ganz in Ruhe und unbeobachtet zu zweit auf der Veranda eines Japanischen Gartens zu sitzen und die Stille zu genießen. Für einen Moment gibt es keine Menschenmassen mehr, keinen Stress, keine Sorgen..

Genug geträumt. Zurück in die Stadt. Es ist schon leicht dunkel und Gion zieht uns irgendwie magisch an. Man fühlt sich dort wie in einem anderen Zeitalter. Vor allem, wenn gelegentlich eine Maiko an einem vorrüber huscht. Macht euch nichts vor, solange ihr nicht „berry berry wohlhabend“ seid, werdet ihr keine Geisha zu Gesicht bekommen!


Ein kleines Stück abseits der Hauptstraße Gions finden sich viele Ryokan der obersten Klasse. Eine Nacht kann hier schonmal mehrere 1000€ pro Person kosten, Essen exclusive. Dafür hängt vor der Eingangsschiebetür ein eigens angefertigtes Holzschild mit dem eingravierten Namen der momentan anwesenden Gäste.
Schaut man sich die Gesellschaft näher an, wird man ausschließlich gepflegte Männer des älteren Kalibers, und ihre Frauen im formellen edlen Kimono sehen.
Solch eine Lokalität in Jeans zu betreten.. ich möchte mir die Folgen garnicht ausmalen! Quasi „instant“ beschließe ich – hier möchte ich irgendwann einmal auch eine Nacht verbringen! Eine einzige Nacht!

Zu Fuß machen wir uns auf den Weg zum Maruyama kouen. Es ist mittlerweile dunkel – und hier befindet sich der älteste Kirschbaum Japans – er steht grade in voller Blüte und wird von sehr sehr vielen Scheinwerfern angeleuchet!
Der ganze Park gleicht derweil einem riesigen Rummel. Überall Fressbuden, die einen mit den leckersten Sachen locken, auf jedem freien cm blaue Plastikplanen für die Hanami-willigen – und ÜBERALL Hanami-willige, die schon ein, zwei oder 10 Gläschen zu viel haben! Gottseidank gibt es nach dem obligatorischen „Wir waren hier“ Foto noch ein paar Ecken im Park die nicht von vollkommen durchgeknallten und halbnackten Japanern bevölkert sind. Ich habe DINGE gesehen..

Wärend ich noch im Halbschock weile, schleift mich mein Männe schon wieder aus dem Park heraus, durch die halbe Stadt, den Berg hinauf und schließlich wieder zum Kyomizudera, der nun nicht wieder zu erkennen ist!
Der rote Tempel strahlt Majestetisch in der Dunkelheit, das zarte Rosa der Kirschblüten wird von Scheinwerfern unterstrichen, überall leuchten alte Laternen und auf der anderen Seite des Tempels wird eine Gruppe Birken weiß angestrahlt. Ein gespenstisch faszinierender Anblick.

Bevor wir einen Rundgang wagen, werden wir schon von einem durchs Megaphon brüllendem Tempel typen (in Shorts und mit Stirnband..ein unverzichtbares Accessoire..) in eine Schlange beordert. Das Event gibts nur wärend der Kirschblüte – also ab dafür.
Ich habe keinen Plan was grade um mich herum passiert und ich kann verdammt nochmal die Schilder nicht lesen! Arrgh!
An irgendeinem Punkt werde ich dazu gebracht, meine Schuhe auszuziehen und in eine weiße Plastiktüte zu stopfen.
Ein ängstlicher Blick zu meiner besseren Hälfte – er schaut fast genau so aus der Wäsche.. sehr beruhigend.
Wir landen in einem dunklen Höhleneingang aus dem man hysterisches Kichern vernehmen kann. Ich lande hinter einer kleinen sehr zerbrechlich aussehenden Dame, die sich ebenso ängstlich (wie ich mich fühle) an ein Seil am Rand klammert.
Warum habe ich das Seil bisher nicht gesehen?!
Ich klammere mich also auch daran fest. Mein Mann steht hinter mir.. sehr beruhigend..
Die Schlange beginnt vorwärts zu schlurfen. Quasi Ferse an Fußspitze schieben wir uns vorwärts in die Höle. Meine Füße ertasten eine Treppe. Fuuu.., wollen die dass wir uns hier drinnen das Genick brechen?! Kann mal bitte einer den Lichtschalter anmachen? Nein? Es ist stockduster. Man kann noch nichtmal seine Hand sehen. Ich halte Fersenkontakt zu der Dame vor mir – und jetzt verstehe ich auch, warum mein Kerl HINTER mir geht… schlauer Mann…
Plötzlich werde ich in meine Vorläuferin gepresst. Die Schlange scheint zum erliegen gekommen zu sein – nur hat das keiner den Leuten hinten gesagt.. so werden wir munter immer weiter ineinander geschoben. Gruppenkuscheln. Nicht, dass mich das stören würde.. immerhin ist hier anscheinend die „no touch in public“ Regel außer Gefecht – kann schließlich eh keiner was sehen.
Die Schlange bewegt sich wieder. Aha, point of interest – irgendwas Leuchtendes. Wir schieben uns daran vorbei, stolpern ein paar Treppenstufen hinauf und stehen wieder in der kalten Abendluft. WTF war das?!
Ein böse grinsender Megaphon Mann sieht wohl meine Verwirrung, denn er fühlt sich verpflichtet, mich mit folgendem Satz aufzumuntern – „Hat es Ihnen in Buddhas Gedärmen gefallen?“ Äääääähm.. WIEBITTE???? Gosh.. wobei.. so schlimm war es garnicht.. aber wenn ich mir vorstelle, das Seil war..THEMENWECHSEL!

Unser zweiter Tag gehört fast gänzlich dem Fushimi Inari-Taisha (伏見稲荷大社), denn es braucht einiges an Zeit will man auch nur einen Teil dieses faszinierenden Schreins sehen.

(yesssss.. walked all this..)

Tausende knallroter Torii reihen sich fein säuberlich die Hügel hinauf, teilen sich, führen zu kleineren Schreinen, Fridöfen und Denkmälern, werden wieder dichter, werden größer, kleiner, und schließlich kommt man auf dem ein oder anderen Weg auch wieder nach unten.

Wenn man sich nicht vollkommen im Meer der Torii verliert.

Ein kurzer Abstecher zum Tōfuku-ji (東福寺), der nicht so sehr Touristen überlaufen ist, wie die meißten anderen. Außer uns nur 3 andere Besucher. Akzeptabel. Netter Tempel.

Die Sanjusangendo (三十三間堂) lieget Bahnhofsnah, aber auch dahin verschlägt es uns – wir sind ja noch nicht genug gelaufen und der Tag ist noch „jung“ *hust*

In der schlichten Halle mit den unglaublich vielen Schiebetüren verbergen sich 1001 Statuen der Göttin Kannon. 500 zu jeder Seite einer großen Kannon Statue. Jede einzelne Statue von Hand zu unterschiedlichen Zeiten und von unterschiedlichen Künstlern hergestellt. Sie sehen auf den ersten Blick alle gleich aus, schaut man jedoch etwas genauer, so erkennt man feine Unterschiede wie z.B. die Blickrichtung. Vor den Kannon Statuen befinden sich noch 28 Wächter Statuen und die Götter Raijin und Fujin (Donner und Wind).
Ansonsten gibt es hier nicht so viel zu sehen – ist aber trotzdem einen Ausflug definitiv wert.

Ein letzter Tempel für den Tag.. Oh Gott, ich habe den Namen vergessen! Muss morgen mal meine bessere Hälfte fragen.. er weiß es bestimmt noch. Naja, egal, wir schlendern also im Tempelgarten ein wenig herum als plötzlich der Klang einer Panflöte uns verwirrt. Nicht so nen Peruanisches Dauergedudel, sondern überraachend hörbar.
DingDingDing.. Jackpot! Wir haben den Garten genau zu dem Zeitpunkt betreten, als am anderen Ende ein Konzert des berühmtesten Panflötenmusikers von ganz Japan *insert random famous japanese name which – of course- I forgot..shame on me..* stattfindet!

Kirschblüten, romantische Musik.. ziemlich kitschig.. aber irgendwie nett. Wären da nicht die 3 Millionen anderer Paare, die genau das gleiche zu denken scheinen.

(Zum letzten Jahrestag gab es danach übrigens die CD von diesem Typen~)

Den Abend ließen wir in Gion bei einem „culture program“ ausklingen. Sehr interessant, aber eher was für Touristen (also mich? hmm..) 10 Minuten highspeed Tee Zeremonie, ein paar tanzende Maikos, Bunraku, traditionelle Tänze und noch traditionellere Komik.. hach..

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So, jetzt ist es schon spät und ich will ins Bett! Der Rest kommt im nächsten Post. Bilder bekomme ich grad auch nicht alle hochgeladen ~ scheint wohl nicht so mein Tag zu sein.. gnarf.

Warum muss Kyoto auch so extrem viele nette Sehenswürdigkeiten haben?!

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3 Antworten

  1. Enrico

    Klasse, war 2011 im August in Kyoto fast die selben Orte besichtig. Toller Erinnerung! Danke

    März 9, 2012 um 12:24 am

    • Immer wieder gern ^^
      könnten wir uns fast über den Weg gelaufen sein.. war im Agust 2011 ja auch nochmal da..

      März 9, 2012 um 12:32 am

  2. Enrico

    War vom 19. bis 21. August 2011 da. Ich will auf jeden Fall wieder hin hab ja gerade mal an der Oberflaeche gekratzt.

    März 9, 2012 um 1:24 pm

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