film review – außergewöhnlich und bewegend

Gestern Abend lief auf Arte – einem der wenigen Sender die ich empfange UND gelegentlich sehe- ein Sonderprogramm über japanische Filme.
In diesem Programm wurden die Filme „Nobody knows“ (誰も知らない/dare mo shiranai) von Koreeda Hirokazu und „Kikujiros summer“ (菊次郎の夏/kikujiro no natsu) von Kitano Takeshi gezeigt.

Da ich japanische Filmkunst sehr gerne mag, konnte ich natürlich nicht wiederstehen diese zwei komplett gegensätzlichen Filmchen anzuschauen.
Gegensätzlich nicht nur im Inhalt, sondern vor allem auch in der Art wie der Film dem Zuschauer präsentiert wird..

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Beginnen wir mit „Nobody knows“.

(quelle: nipponcinema)

[ Eine junge Mutter zieht mit ihrem Sohn (Akira, 12) in eine Tokyoter Vorstadtwohnung.
Was keiner weiß, sie hat noch drei andere Kinder, die sie jedoch vor der Außenwelt geheim hält da sie alle von verschiedenen Vätern sind und die Japanische Gesellschaft mit soetwas nur recht schlecht umgehen kann.

Die drei jüngeren Kinder müssen strenge Regeln befolgen, dürfen die Wohnung nicht verlassen, müssen leise sein, dürfen nicht auf den Balkon usw. nur Akira, der ja den Nachbarn auch offiziell vorgestellt wurde, darf/muss nach draußen um Einkäufe zu erledigen und sich um Rechnungen zu kümmern. Er trägt die Verantwortung für seine Geschwister, die Mutter ist meißt den ganzen Tag über arbeiten.

An einem Abend gesteht die Mutter Akira, dass sie einen neuen Freund hat, der aber von den Kindern nichts weiß.
Am nächsten Morgen finden die Kinder einen kurzen Brief, einen Umschlag mit Geld. und die Anweisung das Akira sich für eine Weile allein um seine Geschwisterr kümmern solle.

Während der Abwesenheit halten sich alle vier streng an die Regeln, und nur Akira verlässt das Haus zum einkaufen.
Nachdem das Geld knapp wird, sucht er zwei der vermeintlichen Väter seiner Geschwister auf und bekommt von ihnen noch ein klein wenig zusammen um für seine Geschwister Essen zu kaufen.

Auf seinen Einkaufswegen begegnet er immer wieder einem Schulmädchen, dass offensichtlich gemobbt wird. Sie wird später zu einer wichtigen Stütze für ihn.

Aus dem Nichts taucht eines Abends die Mutter wieder auf. Die zwei jüngsten Kinder freuen sich, doch Akira und seine Schwester stehen der Rückkehr mit gemischten Gefühlen gegenüber.
Am nächsten Tag verlässt sie die Kinder wieder mit dem Versprechen, bis Weihnachten zurück zu sein.

Sie kommt nicht wieder.

Die Kinder verarbeiten dies auf sehr unterschiedliche Weise, richten sich jedoch ein liebevolles Zuhause ein und kümmern sich umeinander. Als die Kirschblüten beginnen zu blühen, verlassen sie erstmals alle gemeinsam das Haus.

Nach und nach geht ihnen das Geld aus, Strom und Wasser werden im Sommer schließlich abgestellt, die neue Verbindung mit der Außenwelt trägt auch einiges an Problemen mit sich – und dann passiert auch noch ein tödlicher Unfall..]

Der Film basiert lose auf einer wahren Begebenheit (巣鴨子供置き去り事件/Sugamo child-abandonment incident) die sich 1988 in Japan ereignet hatte. In Unterschied zum wahren Fall, handelt der Film nur von 4 Kindern (nicht 5) und das jüngste Kind wird auch nicht ermordet, sondern stirbt durch einen Unfall.

Der Regisseur entschied sich zu diesem Film, da ihn die Umstände der Kinder, vor allem der Zusammenhalt untereinander, sehr faszinierte. Er erforschte daher, wie die Kinder fast ein Jahr lang überleben konnten ohne dass irgendjemand einschritt.

Der Film ist sehr bewegend und gut dargestellt. Es werden viele alltägliche, eigentlich kleine, Probleme aufgegriffen mit der die Kinder sich konfrontiert sehen. So durchlebt Akira z.B. grade eine Phase der Pupertät und muss sich mit seinem Körper auseinander setzen.
Diese Dinge werden liebevoll angesprochen.
Auch der Überlebenskampf der Kinder und ihr Umgang damit wird stark thematisiert – ebenso wie die Gefühle der Mutter gegenüber. Viele Gesellschaftliche Probleme werden kurz angesprochen oder in Nebenhandlungen eingepflochten, dass macht den Film für aufmerksame Zuschauer sehr informativ.

Mein Fazit- der Film ist spannend und sehr emotional, lediglich das Ende finde ich nicht gut gewählt. Man hätte entweder früher den Schlussstrich ziehen sollen (am Flughafen), oder die Geschichte noch ein wenig weiterführen sollen. So schwebt man zum Schluss hin eher im leeren Raum und fühlt sich irgendwie unbefriedigt.
Aber auf jeden Fall ist der Film sehenswert!
Die Synchro ist nicht so besonders gut gelungen, daher wenn möglich lieber im Original (/mit Untertiteln) anschauen!

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Kikujiros Summer

(quelle: Wikipedia)

[Der kleine Masao lebt bei seiner Großmutter in einem Außenbezirk Tokyos. Da seine Großmutter arbeiten muss, kann er in den langen Sommerferien nicht verreisen während all seine Freunde wegfahren.
Durch einen Zufall entdeckt er ein Foto seiner Mutter, eine dazugehörige Adresse – und beschließt, dickköpfig wie er ist, auf eigene Faust die Mutter suchen zu gehen.

Als er in Schwierigkeiten gerät, wird er von der Nachbarin der Großmutter und deren leicht zurückgebliebenen Mann Kikujiro gerettet. Als er ihnen von seinem Plan erzählt, beschließt die Frau, dass Kikujiro doch Masao begleiten soll und sie selbst der Großmutter erzählt, dass die zwei ans Meer fahren würden um dem Kleinen ein wenig Urlaub zu ermöglichen.

Weder Masao noch Kikujiro sind am Anfang sehr begeistert von dem Plan, ziehen dann aber doch gemeinsam los. Unterwegs verspielt Kikujiro fast das gesammte Geld der beiden und eckt durch seine schroffe Art auf allerlei Weisen bei allen möglichen Gelegenheiten an.
Als sie versuchen, per Anhalter zum Wohnort der Mutter zu gelangen, werden sie schließlich von einem Künstler (Dichter?) aufgegabelt, der sie an ihr Ziel bringt.

Angekommen müssen sie bald feststellen, dass Masaos Mutter erneut geheiratet und nun eine andere kleine Familie hat.
Kikujiro versucht das vor Masao zu verbergen und erzählt dem Jungen, dass seine Mutter bestimmt fortgezogen sei.
Er lässt Masao am Strand zurück unter der Vorgabe die Frau, die jetzt in der Wohnung wohnt nach der Mutter zu fragen, zieht sich zurück und überlegt verzweifelt wie er dem Jungen helfen kann.
Er nimmt schließlich zwei Bikern eine kleine blaue Engelsglocke ab und schenkt sie Masao mit der Geschichte, dass seine Mutter sie für ihn zurückgelassen habe damit immer wenn er läutet, ein Engel auf ihn aufpasst.

Die beiden machen sich wieder auf den Heimweg nach Tokyo, treffen unterwegs jedoch wieder auf den Künstler und nehmen sein Angebot an, ein paar Tage gemeinsam campen zu gehen.

Dort treffen sie dann auch auf die zwei Biker von denen Kikujiro das Glöckchen erbeutet hat. Gemeinsam versuchen die vier Männer nun alles, um den kleinen Masao aufzuheitern und ein schönes Ferienerlebnis zu verschaffen.

Kikujiro selbst sieht sich ebenfalls mit seiner Vergangenheit konfrontiert, denn es kommt heraus das auch er ohne seine Mutter aufgewachsen ist.

Alles Schöne hat einmal ein Ende – und so trennen sich die Wege der ungleichen Truppe unter dem Versprechen, das bald mal zu wiederholen. ]

Ein recht ungewöhnlicher Kitano Film, kennen wir ihn doch eher aus meh Action lastigen Stücken wie Hana-bi, aber destotrotz nicht schlecht. Lässt man sich auf den Film ein, bemerkt man erst die Tiefe, die hinter der Erzählung steckt. Sehr emotional wird das ganze auch durch die Filmmusik untermalt. Kennern sollte es schon bei den ersten Tönen auffallen, hier ist niemand geringeres als der Meister der Töne selbst, Joe Hisaishi, am Werk (Hauptkomponist des Hauses Ghibli)!

Der Film bietet was zum schmunzeln, lachen, weinen, stirnrunzeln und nachdenken, aber man muss diese Art von Humor mögen bzw. verstehen und sich darauf einlassen können. Er ist ein bisschen wie ein Tagebuch gehalten – eine interessante Idee wie ich finde. Mein Fazit – ein sehenswerter und ansprechender Film!

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2 Antworten

  1. Mit Nobody knows konnte ich ueberhaupt nichts anfangen, schon allein weil mir der Hauptdarsteller viel zu maedchenhaft rueberkam. Aber das ist wohl so im heutigen Japan.

    Bei Kikujiro habe ich Rotz und Wasser geheult. Was denn? Das war ein richtig schoener Film und ich hab schliesslich auch Gefuehle. Doofmaenner!
    Kitano, der durch einen schweren Unfall grosse Teile seiner Mimik verloren hat, passt in diesen Film, wie die Faust auf’s Auge. Ich glaube, das er fuer die meisten seiner Filme ueberhaupt nicht schauspielern muss, sondern einfach so ist, wie er ist.

    Mein Fazit:
    Nobody knows: Fuer Paedophile und Liebhaber von japanischen Metrosexuellen sicher ein interessanter Film. Ich dagegen bereue die Zeit, die ich fuer den Film verschwendet habe.

    Kikujiro: Wunderschoen. Und Achtung: Absoluter Taschentuchalarm. Ja, auch fuer euch, Jungens.

    März 7, 2012 um 1:50 am

  2. neba

    Ich fand beide Filme sehr gut und habe danach auch noch ganz viel über die Sache mit Sugamo etc nachgelesen. Das Thema lässt einen nicht so leicht los. Eigentlich sollte ich mir „Nobody knows“ als Mama von zwei Kröten gar nicht anschauen, weil ich schon weiß, dass es mich noch Wochen verfolgen wird… Das mit dem in der Luft hängenden Ende stimmt genau! Bei diesem Film habe ich aber auch oft überlegt, wie so eine Sache wohl in Deutschland aussehen würde. Ich weiß nicht, ob diese doch sehr verantwortungsbewussten Kinder für Japan realistisch sind, aber hier würde die Verwahrlosung, glaube ich, doch gleich ganz anders aussehen. Und, auf der anderen Seite, dass es niemandem auffällt und nieman etwas meldet… ? Wie bei dem Fall in Osaka (Osaka child abandonment case?), als die Nachbarn über Wochen Weinen gehört aber nichts unterfnommen hatten..
    Takeshi Kitano – immer her damit ;-).

    März 7, 2012 um 9:08 am

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