Friseur mal anders..

 

Die ersten Tage der Semesterferien sind überstanden, der Haushalt wieder unter kontrolle, die letzte Waschmaschine rattert grad vor sich hin, draußen regnet es, die Kinder schlafen längst – und da ist sie wieder.
Diese enorme Antriebslosigkeit.
Somit setze ich mich auf mein winziges Ikea Sofa, das auf den Namen „Klobo“ hört (und dem Namen alle Ehre macht..) und blättere die zehntausend Fotos durch, die sich in den letzten Jahren angestaut haben.

In meinem Kopf schwirren so viele Gedanken und Erfahrungen über die ich hier schreiben möchte, aber ich finde keinen Anfang.

Über Hina Matsuri haben auch schon fast alle Blogger etwas geschrieben, daher muss ich das nicht auch noch tun. Aber was dann? Mehr über Kyoto? Doch endlich zu Shinshu? Hokkaido? Aomori? Kirschblüten?

Nein, ich denke ich werde heute über etwas sehr alltägliches schreiben. Einen Ausflug zum Frisör.

 

Was tun, wenn man unfreiwillig zwei Wochen länger als geplant auf einer Insel knapp 10.000 km von zu Hause weg festsitzt und DRINGEND ne neue Haarfarbe braucht weil Lila/rot und blonder Ansatz so garnicht zueinander passen wollen?

Ja, man beschließt zum Frisör zu gehen.
Im Vorfeld mache ich mich also ein bisschen schlau. Japanische Haare sind anders als Europäische.. aha… man sollte deshalb lieber einen Frisör wählen, der schonmal mit Gaijinhaar Kontakt hatte.. ok.
In diversen Foren lese ich also nach und fühle mich heillos überfordert. Ist unter den 60.000 Frisören denn keiner mit Ausländer Erfahrungen?
Aber Google und ich sind ja ganz dicke, und so fällt mir plötzlich ein Erfahrungsbericht in die Hände über einen Salon dessen Meister ein paar Jahre in Amerika praktiziert hat. Eine kurze email und einen Anruf später stand mein Termin für den nächsten Tag.

Auf nach Akasaka. Dummheit siegt wie so oft.. und ich verlaufe mich! Nach 3x im Kreis und einer schriftlichen Wegbeschreibung die mir zwei nette Polizisten in ihrer Kouban netterweis aufmalen (natürlich nur mit Kanji..) komme ich immer noch nicht weiter.
Zumindest treffe ich in meiner Verzweifelung auf einen netten alten Herrn, der sogar wahrnimmt dass ich willig bin auf Japanisch zu kommunizieren, bis er plötzlich auf astreines Deutsch ohne jeglichen Akzent wechselt?! Hallo?? Ich bin hier mitten in der Pampa von Japan, Ojiichan ist schon weit über 70 – aber spricht perfektes deutsch? Es stellt sich heraus, dass er als Arzt nach dem Krieg für 11 Monate in Deutschland stationiert war, er sprachbegabt ist -und er zwar seitdem die Sprache nicht mehr gesprochen hat, aber sie immernoch beherrscht. Das unterschreibe ich sofort.
Er begleitet mich ein Stück und schickt mich schließlich in eine Postfiliale, denn dort bekommt man Straßenkarten und sinnvolle Wegbeschreibungen!
Tatsächlich malt die nette Dame in dem süßen Kostümchen mit dem knuffigen Hut auf dem Kopf eine grüne und eine rosa Linie auf die Karte, macht noch ein paar Kringel, lächelt mich an und ignoriert die Fragezeichen die dick und fett über meinem Kopf schweben. Na klasse. Kanji sind ja schon die Hölle, aber wenn sie dazu noch im Winzlingsformat auf eine kleine DinA4 Karte in schlechter Qualität gedruckt sind, macht es das nicht grade besser! Ich suche das nächste Straßenschild, halte weitere unschuldige Passanten an und stelle fest – die wohnen hier zwar, aber die können mir höchstens sagen wie ich zum nächsten Konbini um die Ecke komme. Selbst den Straßennamen der Straße auf der wir stehen, können sie mir nicht auf der Karte zeigen. Gnarf! Ich stiefel also wieder drauf los, in der Hoffnung etwas verwertbares zu finden das mich auf den rechten Weg schickt.
Siehe da, plötzlich scheine ich Glück zu haben und erkenne doch tatsächlich ein Straßenschild! Da Kartenlesen an sich kein Problem für mich darstellt (und ja liebe Männer, ich muss die Karte nicht mit der Laufrichtung drehen…) finde ich endlich den Weg zum Salon. Gott, ich komme sogar pünktlich! Man gut das ich morgens schon das Gefühl hatte, dass irgendetwas schief gehen würde und deshalb sehr früh losgefahren bin..

Ich betrete den Salon durch einen Fahrstuhl, eine quirlige kleine Frau springt mir entgegen, fragt mich aus und stubst mich sanft in Richtung Stuhl. Außer mir sind noch zwei andere Kundinnen anwesend. Beides Japanerinnen. Ein Mann springt mir entgegen. Leute, kein Scherz. Frisöre sehen irgendwie überall auf der Welt gleich schwul aus! Hat so ein bisschen was wie eine japanische Version von Harald Glöckler und hört auf den Namen DAN. Nach einem kurzen Smalltalk und einer recht verzweifelten Lagebesprechung (nein, es gibt in Japan kein Lila/rot als Haarfarbe!) beschließen wir erstmal, dass die Haare kürzer werden sollen. Von „über Popo lang“ auf „irgendwas so um Schulterlänge rum“.
Aber erstmal waschen. Habe ich zwar heute morgen schon gemacht, aber hey, es gehört zum Programm!

Die quirlige Japanerin stubst mich sanft zum Becken, legt mir einen Kittel um, rollt ein Handtuch unter meinem Nacken zusammen und legt los. Das Wasser ist angenehm warm und eine ausführliche Kopfmassage ist inklusive. Kein Haareziehen, kein herumziepen. Alles ist ganz sanft und entspannend. Man will, dass die Kunden sich wohlfühlen. Miki – so ihr Name- erklärt mir, dass sie speziell Shampo und Spühlung für europäisches Haar verwendet, dass rein Biologisch mit natürlichen ätherischen Ölen angereichert ist. Es duftet. Bestimmt eine halbe Stunde lang liege ich im halb Dämmerzustand da und lasse mich verwöhnen. Zum Schluss wärmt sie einen Waschlappen, massiert meine Schläfen, Ohren und auch meinen Nacken. Gott, meine Beine sind Wackelpudding so gut fühlt sich das an!

In totaler Entspannung wanke ich zum Frisörstuhl wo Aya – eine weitere Mitarbeiterin- schon auf mich wartet. Sie ist für den Grundschnitt zuständig und verzweifelt erstmal an meinem langen Haar. Nach und nach schafft sie es dann aber doch, es auf eine akzeptable Länge zu bringen und den letzen Schliff übernimmt der Chef persönlich. JEDE! EINZELNE! HAARSTRÄHNE! wird in liebevoller Kleinstarbeit bearbeitet! Er schwitzt. Ich dämmere vor mich hin.
Endlich hat er seine Arbeit vollbracht, wenden wir uns wieder dem eigentlichen Problem zu – der Haarfarbe. Wir einigen uns auf ein dunkleres Braun und mit vereinten Kräften legen nun alle los. Plötzlich spüre ich etwas ungewohntes. Irgendwas an meinen Ohren! Ich blicke in den Spiegel vor mir, und da haben die mir tatsächlich so Badekäppchen für die Ohren übergestülpt! Oh mein Gott, Ohrkondome! Ungewohnt ekelhaftes Gefühl finde ich und möchte die Dinger am liebsten sofort abnehmen, aber ich werde sanft daran gehindert und zur Wiedergutmachung bekomme ich das Wifi Passwort und darf munter auf meinem Iphone das Net durchforsten. So überbrücke ich dann auch die Wartezeit in der die Farbe sich in meinen Kopf frisst einwirkt. 3! Farbschalen saugen meine Haare in sich hinein. Seit meiner Ankunft sind schon über 3h vergangen. Das Ausspühlen verläuft genauso wie das waschen vorher…. nur dauert es noch länger und es wird noch mehr massiert. Ich bin im Himmel! Zum Schluss wird noch ein bisschen geföhnt, Dan zeigt mir wie ich „einen schönen Schwung und ein paar Löckchen“ in die neue Frisur hineinföhne – und nach 5 1/2 Stunden verlasse ich glücklich den Laden. Wer braucht schon Wellnessfarmen für mehrere 100€ am Tag, wenn man für 50€ und ein paar kaputte DAS Frisör-Erlebnispaket schlechthin bekommt – und hinterher auch noch besser aussieht?!

Fazit- wer mal einen halben Tag Entspannung vom stressigen Japan (Reise-) Alltag haben möchte oder einfach einen bad-hair-day hat, der sollte unbedingt mal zum japanischen Frisör gehen!

Nebenbei – Akasaka ist ein Prima Ort um sich zu velaufen spazieren zu gehen! Ein bisschen Hügelich zwar, aber es gibt überraschend viel Grün und viele nette Kleinigkeiten zu entdecken!

So, jetzt muss ich aber weiter der Semesterferien-Lethargie fröhnen.. und am nächsten Post basteln – auf das hier wieder mehr Regelmäßigkeit einkehrt..

 

 

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4 Antworten

  1. Haha, herrlich. Ich haette es nicht besser beschreiben koennen. Frueher habe ich mir meine Haare mit der Pudelmaschine selber geschnitten, aber seit ich in Japan bin, gehe ich regelmaessig einmal im Monat zu MEINEM Friseur. Ja MEINEM! Genauso fuehle ich mich naemlich immer, wenn ich dort „behandelt“ werde. Nein, nicht nur das die mehrfachen Massagen fast besser als Sex sind, auch die Maedels dort sind so dermassen was fuer’s Auge. Hach! Ich bin immer kurz davor, mein „Massageluder“ zu fragen, ob sie mich heiraten will. Sie brauch auch nie wieder zu arbeiten, ausser mir taeglich die Haare zu massieren. Sex? Ach was. Ist danach nicht mehr noetig. Wenn ich nach gefuehlten 3 Stunden aus dem Salon auf die Strasse trete, flattern mir so die Knie, das ich mich erstmal irgendwo anlehnen muss…………

    März 5, 2012 um 2:50 am

  2. Vielen Dank fuer diesen Einblick! Als regelmaessiger Besucher von ¥1000カット komme ich leider nicht in den Genuss von Kopfmassagen und dergleichen… Was ich allerdings bei japanischen Frisoeren am genialsten finde ist der Sauger, mit dem nach erfolgtem Haarschnitt die nervigen Ueberbleibsel restlos (!!) entfernt werden. Nie wieder dieses kratzige Gefuehl im Kragen… Sollte man ueberall einfuehren!

    März 5, 2012 um 4:01 am

  3. Heydal

    Ach da kommen Erinnerungen auf. Ich war bei meiner letzten Japan-Reise drei mal beim Friseur. Hatte am Schluss kaum mehr Haare auf dem Kopf, aber egal, dieses Verwöhnprogramm ist so toll, selbst mit Glatze würde ich mir da die Haare machen lassen. );D

    Ein Besuch beim Friseur in Japan sollte zum Pflichtprogramm gehören, seltsam das in Reiseführern nie etwas davon zu lesen ist. Was mich erstaunt, ist wie der Zeitaufwand, in Relation zum Preis funktonieren kann. Irgendwie zahlen wir hier in Mitteleuropa viel zu viel, bei einem Service über den man besser schweigt.

    März 5, 2012 um 1:52 pm

  4. Ernst

    Ahhh Kopfmassagen sind was wunderbares.
    Ich würde da wöchentlich hingehen um mir die Haare 1mm kürzen zu lassen. 😉

    Und damit dir nicht langweilig wird, liebe Rose, erwarte ich motgen wieder einen neuen Blogpost. =)

    März 5, 2012 um 4:12 pm

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