Beerdigung auf Japanisch – Teil 2

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Einen Tag vor meiner Abreise erhielt ich die Nachricht, dass es so weit sei und ich mich auf die Beerdigung kurz vor Neujahr einstellen solle.

Noch nicht klar war zu dem Zeitpunkt, ob ich an der Beerdigung teilnehmen oder in der Wohnung bleiben würde. Ich selbst war mir auch nicht so ganz sicher was mir lieber wäre. Ich wollte niemandem ein unwohles Gefühl bereiten, denn die meißten Japaner fühlen sich nicht sonderlich wohl wenn eine weiße Langnase neben ihnen steht, vor allem bei Veranstaltungen, die mit einem komplizierten rituellen Verhalten verbunden sind, dass die meißten von ihnen noch nichteinmal selbst verstehen. Wie soll ich es dann also verstehen?

Auf meinem 23h Flug (der übrigens eine Katastrophe vom Feinsten war – aber dazu mehr in einem anderen Post) hatte ich genügend Zeit nachzudenken. Ich entschloss mich dazu, meinem Freund die Entscheidung zu überlassen. Er kennt seine Familie am besten.

Angekommen sammelte er mich am Flughafen auf und wir verkrümelten uns für zwei ungestörte Stunden in ein Hotel. Schon wieder 4 Monate vergangen seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten..

Das Zusammentreffen mit der Familie ließ sich dann auch schon nicht mehr länger hinausschieben. In den letzten Minuten die wir in Zweisamkeit hatten, bat er mich an der Beerdigung teilzunehmen und an seiner Seite zu bleiben.

Der Abend mit der Familie lief recht ruhig. Wir schliefen zu siebt (5 Erwachsene und zwei Kinder) in dem kleinen muckeligen Appartment der Schwester, was aber eigentlich garnicht so schlimm war wie es klingen mag. Die beiden Kids sind ordentlich gewachsen seit dem ich sie das letze Mal gesehen habe, die Kleine kann sogar schon eine beachtliche Anzahl an Wörtern von sich geben. Bevorzugt wenn sie irgendetwas haben möchte (wie mein pinkes Trinkglas) „Da? Daaaaa! Pinku! Daaaaaaa! Pinku! Da?“ Des weiteren steht Anpanman hoch im Kurs und es herrscht Angst vor Mickey Mouse.

Wir verließen die kuschelige Runde um zum Beerdigungsinstitut zu fahren. Es war schon kurz nach 22:00, aber bei 24h Öffnungszeit war das kein Problem. Gibt einem irgendwie ein sicheres Gefühl, rund um die Uhr trauern und besuchen zu können.

An diesem Abend konnten wir ihn aber leider nicht mehr sehen, da schon die Arbeiten zur Beerdigung begonnen hatten. Somit standen wir in einem geschmückten Raum mit kleinem Altar und ich wurde in die Abfolgen des Gebetes eingeführt. Räucherstäbchen entzünden, Klangschale anschlagen, verbeugen, beten, verbeugen. Nicht so schwer, aber es erforderte doch einiges an Konzentration – vor allem da an anderen Stellen andere Abfolgen gelten.

Wieder zurück, fielen wir recht schnell ins Bett.

Am Morgen gab es ein wenig Hektik, denn 8 Leute wollten durchs Bad geschleust werden, mussten Duschen, Zähneputzen, und zumindest 3 davon sich schminken. Mich inklusive natürlich. Letztendlich starteten wir dann doch pünktlich. Unterwegs wechselten mein Freund und ich in ein kleines Mietauto, damit die anderen noch Gäste vom Bahnhof einsammeln konnten.

So waren wir auch recht früh vor den anderen mir bekannten Familienmitgliedern da. Anwesend waren schon die Schwester und zwei Brüder von Bfs Mutter. Nach formaler Verbeugung und dem Üblichen, wurde ich in der zweiten Raumhälfte „abgestellt“ während mein Freund sich zu der Tee trinkenden Gesellschaft begab und die richtige formelle Vorstellung durchführte. Ich hatte da nichts zu suchen, da wir ja nicht verheiratet sind. Fühlte sich ein wenig isoliert an, aber dann kam gottseidank der Bruder von Bfs Vater, der mich schon irgendwoher kannte und herzlich mit mir sprach. Nach und nach trudelte der Rest der Familie ein. Aus „an seiner Seite bleiben“ wurde allerdings nicht allzuviel, da er der Chounan (älteste Sohn) der Familie ist, somit nun das Oberhaupt, und damit sämtliche Aufgaben übernehmen musste.

Der Bruder meines Freundes hatte seine Freundin ebenfalls mitgebracht, die sowohl ein wenig Englisch, als auch ein wenig Deutsch spricht und deutsche Philosophie studiert hat. Da wir in der Familie eine gesonderte Stellung haben (~ nicht verheiratet) blieben wir für den Großteil der Zeit zusammen und sie erklärte mir ein paar Hintergründe und Regeln, die ich bei dem höflichen japanischen Zeremonialgemurmel wohl auch beim 10. Mal nicht verstanden hätte. Sie nahm mich quasi an die Hand und dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Den Ablauf der Zeremonie an sich könnt ihr ja meinem letzten Post entnehmen. Ich habe versucht meinen Blick von außen ein wenig wiederzugeben, wobei ich natürlich in diesen Momenten mitten drin war – und das auch emotional.

Es ist einfach etwas komplett anderes als hier in Deutschland, wo doch eher distanziert mit dem Tod umgegangen wird. Geschlossene Särge und ein Grab auf dem Friedhof. Das ist in Japan halt einfach anders. Auch wenn das Begreifen des Todes damit ebenfalls nicht leichter wird. Gerade der Schritt vom letzten Mal sehen vor der Einäscherung um dann nach 90 Minuten vor ein paar Knochen und einem Gefäß voller Asche zu stehen..

Ein Todesfall zieht auch noch andere rituell-kulturelle Dinge mit sich. So wurden keine Neuhjahreskarten geschrieben und auch werden innerhalb von 49 Tagen keine Schreine besucht, da man Torii meiden soll (und Schreine nur durch eben solche betretbar sind…). Das hat damit zu tun, dass im Buddhismus in den 49 Tagen nach dem Tod alle 7 Tage ein „Gericht“ abgehalten wird, in dem der weitere Weg der Seele bestimmt wird. So sollte die Familie während dieser Phase beten und keine Schreine besuchen, da dies die zuständigen Götter verärgern – und somit eine Entscheidung zum negativen bewirken könne.

Mit anderen Worten, dass Neujahrsgebet im Schrein fällt ebenfalls aus. Aber es gibt ja auch noch Tempel.. dazu ebenfalls später mehr.

~Ich muss noch dazu sagen, dass es sich bei dieser Beerdigung um das Standardmodell handelt. Je nachdem wie gläubig die Familie ist (und wieviel der Geldbeutel hergibt) variiert das Ganze noch stark. Von daher ist auch dieser Einblick nur ein kleiner in eine unüberschaubar große Welt aus Traditionen, Ritualen und Religionen~

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7 Antworten

  1. Das ist ja wirklich hochkompliziert aber schön das du nicht alleine warst und jemand an deiner Seite hattest der dir behilflich war. Dein letzter Beitrag war so unglaublich traurig und bedrückend aber zugleich wunderschön geschrieben. Man konnte sich das alles durch den Beitrag gut vorstellen. Standest du den auch vor dem Gefäß voller Asche und Knochen? Ich glaube ich hätte das nicht sehen können. Kennst du den Film Kirschblüten Hanami? Die Vorstellung finde ich grauenvoll. Eine Freundin von mir hat das als Kind miterlebt und hat davon ein kleines Trauma mit sich getragen. Es muss wirklich heftig sein.

    Januar 15, 2012 um 11:21 am

    • Danke Cori!

      Ja, ich habe wie alle anderen auch mit den Essstäbchen einen der Knochen in die Urne gelegt um die „letzte Ehre“ zu erweisen.

      Es hat bei mir ein paar Tage gedauert, bis ich das alles einigermaßen gefühlsmäßig verdaut habe, aber jetzt kann ich sagen, dass es eine schöne Art ist Abschied zu nehmen. Viel persöhnlicher als das distanzierte abgeschottete hier in Deutschland.

      Einzig auf Berührungen habe ich verzichtet, da ich davor (eigentlich unbegründet) Angst hatte. Somit gab es von mir kein Kopf- und Wangentätscheln und auch beim platzieren meiner Blüte im Sarg wählte ich ein wenig Abstand.
      Mag aber auch einfach daran liegen, dass es hier in Deutschland so anders ist..

      Januar 15, 2012 um 11:44 am

  2. Naja, zumindest im laendlichen Deutschland gibt es schon noch weitergehende Zeremonien. Meine Grosseltern z.B. wurden erst im eigenen Haus aufgebahrt, damit die Familie dort Abschied nehmen kann. Natuerlich wurden sie vorher dementsprechend praepariert. Auch ein Besuch vom Pfarrer und mehreren Nonnen war dabei, obwohl, soweit ich mich erinnern kann, zumindest mein Opa nie so ein „Kirchenfan“ war. Es gab mehrere Messen im Haus und dann spaeter in der Friedhofshalle, fuer alle Verwandtschaftsgrade, Freunde und Bekannte. Waehrenddessen war der Sarg auch immer offen und es wurden kleine Gegenstaende hereingelegt. Ob die Leichen dabei angefasst wurden, kann ich aber nicht sagen. So nah hat man uns Kinder nicht herangelassen.

    Januar 16, 2012 um 2:43 am

  3. Beerdigungen nicht nur in Japan sind denke ich jedem etwas „unangenehm“. Dazu noch die Sitte hier, dass die Knochen aufgelesen werden, der Kopf, sollte er denn noch halbwegs intakt sein „zerstampft“ wird und der aelteste Sohn noch einen bestimmten Knochen raussuchen muss – ja, das ist nicht jedermanns Angelegenheit, und mir graut schon jetzt davor, so etwas als Familienangehoeriger bestimmt einmal mitmachen zu muessen. Beerdigung – Totenfeier selbst ist ja nicht so schlimm (bis auf die rund 4 Stunden, die ich bei der Letzten verbringen musste).

    Januar 16, 2012 um 5:23 am

  4. Hmm. Finde ich aber schade, dass sie dich so aussen stehen gelassen haben.
    Als selbst ich nur die Freundin von meinem jetzt Mann war, durfte ich an allem Teilnehmen und sogar weiter vorne sitzen als viele andere Familienmitglieder.
    Vielleicht ist meine Verwandtschaft ja auch offener.. Keine Ahnung.

    Ich weiss auf jeden Fall was fuer eine krasse Erfahrung so eine Beerdigung ist. Ich hatte nachdem ich das verbrannte Skelett gesehen hatte, erstmal einen Schock und habe mindestens 30 minuten hyperventiliert..

    Januar 17, 2012 um 5:59 am

    • außen vor stand ich eigentlich nur während mein Freund uns vor den schon Anwesenden vorstellte. Ungefähr vergleichbar mit dem chinesischen Kotau, also eh nichts was ich sonderlich gerne gemacht hätte.
      Ich habe dann doch lieber die Beileidsbekundigungen der Firmen entgegen genommen und die Fahrtbeschreibungen zur Einäscherungsstätte.
      Den Rest habe ich quasi ganz vorne mitmachen müssen (was mir manchmal schon fast ein wenig zu viel war..).
      An der Seite meines Freundes konnte ich zwar wegen seiner Sonderaufgaben nicht sein, aber ich wurde dennoch direkt neben den Kindern platziert, und somit ebenfalls ganz vorne.
      Bei den ganzen Zeremonien und gebeten war ich dann an vierter Stelle dran, nicht sonderlich viel Zeit die anderen zu beobachten und rauszufinden was denn nun passiert..
      Mit den Knochen hatte ich eigentlich weniger Probleme. Es wahr ungewohnt, aber der recht lockere Umgang der anderen damit machte es mir leichter.

      Januar 17, 2012 um 6:32 am

      • Mit mir ist man den Ablauf einmal vorher komplett durchgegangen damit ich weiß was ich wann zu tun habe, hat aber auch nichts genutzt weil ich mit den Gedanken sonst wo war und mir nicht wirklich was merken konnte. Die Anderen haben aber auch besseres zu tun als zu schauen ob jemand Fehler macht.

        Januar 17, 2012 um 11:39 pm

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