Beerdigung auf Japanisch..

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Abschied nehmen auf eine andere Art.

Ein zweigeteilter Raum, fröhlich schwatzende in schwarz gekleidete Menschen, die bei einer Tasse Tee am kleinen Tisch auf den Boden hocken.

Man kennt sich kaum, doch ist die Stimmung herzlich und warm.
Weitere Menschen betreten den Raum. Sie begrüßen die anderen mit einer respektvoll tiefen Verbeugung und einer Erklärung wer sie denn sind. Sie setzen sich nicht zu den anderen, sondern suchen den zweiten Teil des Raumes auf, in dem ein prunkvoller goldener Altar steht, fast ein bisschen wie in einem Tempel. Davor ein Sarg, bedeckt mit einem kostbaren Kimono, den Deckel geschlossen – jedoch zwei kleine Türchen am Kopfende geöffnet um das Gesicht sehen zu können.
Vor dem Sarg ein Tischchen mit Räucherstäbchen und einer Klangschale, zum Gebet bereitgestellt.

Mehr und mehr Menschen versammeln sich, bis schließlich verkündet wird das nun alle anwesend sind.

Der Deckel des Sarges wird entfernt, der Sarg selbst im vorderen Raum aufgebart. Ein Bild aus besseren Tagen wird aufgestellt und die Zeit den Abschied nehmens beginnt. Man lässt der engsten Familie den Vortritt. Lächelnd mit Tränen in den Augen wird der Kopf gestreichelt, die Wangen getätschelt, das wie schlafend wirkende Gesicht beschaut. Man berührt und trauert, man nimmt Abschied. Die Familie bleibt am Kopfende stehen, immernoch streichelnd und berührend gesellen sich nach und nach die anderen Gäste dazu.

Nach einer Stunde kommen die Mitarbeiter des Beerdigungsinstitutes mit Körben voller Blumen.
In der Verwandschaftsreihenfolge stellen sich nun die Gäste hintereinander auf. Zuerst Ehefrau, dann der älteste Sohn, weitere Geschwister, die Partner der Kinder,
Geschwister des Verstorbenen und so weiter.. Die Ehefrau und der älteste Sohn erhalten besondere Blumen, die sie neben dem Kopf im Sarg plazieren. Alle anderen erhalten kleinere Blumen. Rot, lila, weiß und ein paar wenige gelbe. Hat jeder eine Blüte neben den Kopf gelegt, so wird von allen gemeinsam auch der restliche Sarg in einem Blütenmeer ausgestattet.

Ein letztes Mal über den Kopf gestreichelt. Alle versammeln sich um den Sarg, der Deckel wird angereicht und jeder hält ihn. Es gibt eine kleine Ansprache, das übliche über Erlösung vom Leid und das finden der Ruhe. „Er schläft nun den ewigen Schlaf, lasst uns Gute Nacht sagen. お父さま、おやすみなさい.“
Man schließt den Deckel gemeinschaftlich, und lauscht der weiteren Ansprache, die im wesentlichen den weiteren Ablauf umfasst.

Die Gäste begeben sich in ihre Autos. die Ehefrau und der älteste Sohn fahren im schwarzen Fahrzeug mit dem Sarg mit.
Es geht zu einer Einäscherungsstätte. Brav hintereinander schlängelt sich die dunkle Schlange aus Autos der trauernden. Angekommen, trägt die Ehefrau ehrfürchtig das Bild vor dem Sarg her.

Nocheinmal werden die zwei Türchen am Kopfende geöffnet und ein weiterer Teil der Zeremonie beginnt.
Wieder streng nach Rangfolgen. Man tritt an den kleinen Altar vor dem Sarg, nimmt ein wenig von der bereitstehenden Räuchermischung, führt diese zur Stirn und danach streut man sie auf die glimmende Räucherkohle. Man schlägt einmal die Klangschale an, verbeugt sich, legt die Hände zusammen und betet. Dann tritt man zum Kopfende des Sarges, kann ein letztes Mal berühren.

Der Sarg wird geschlossen und die Trauernden in ein gläsernes Zimmer geführt. Es ist heiß. Durch die Wand aus Glas sieht man die Türen der Verbrennungskammern. Vor ihnen jeweilig ein Bild der Person.
Die engste Familie, also Ehefrau und Kinder, dürfen den Glasraum verlassen und direkt in den Raum mit den Kammern gehen. Sie bleiben auf der anderen Seite der Glaswand stehen.
Der Sarg wird in die Kammer geschoben und man verneigt sich gemeinschaftlich ein letztes Mal. Die engste Familie bekommt Beileid ausgesprochen und es wird sich viele Male wechselseitig verbeugt.
In dem Raum mit den Kammern sitzt ein Mönch, der unermüdlich seine Sutren murmelt, für die Verstorbenen betet.

Man navigiert die Gäste in einen schlichten Raum mit Tisch und Stühlen. Es steht Tee bereit und bei aufblühenden Gesprächen über Vergangenheit, Freude, Krankheit und Verlust vergehen die 90 Minuten Wartezeit sehr schnell.

Ehefrau und der älteste Sohn werden gerufen um die Knochen zu überprüfen, dann darf auch der Rest folgen.
In der nun bereits geläufigen Rangfolge stellt man sich in zweierpaaren auf und sieht sich einem Metalltisch gegenüber, auf dem sich Knochenfragmente und Bruchstücke befinden. Eine kleine weiß ausgeschlagene Kiste steht bereit. Man bekommt lange Essstäbchen und hat nun die Aufgabe, zu zweit einen Knochen mit den Stäbchen zu fassen und ihn sicher in die Kiste zu legen.
Haben alle diese Aufgabe erfüllt, begibt man sich wieder in den Warteraum bei noch mehr Tee und einem Bento, während die Urne mit Asche und Knochen gefüllt wird.

Der älteste Sohn bekommt die Aufgabe, die Urne zu tragen. Die Ehefrau trägt das Bild. So verlässt die Prozession das Gebäude und verstreut sich wieder in sämtliche Richtungen aus denen sie gekommen sind..

おやすみ、お父さん..

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Eine Antwort

  1. Hmpf, nicht einfach, einen passenden Kommentar zu schreiben, aber trotz allem sehr schön geschrieben und ein Einblick in die japanische Zeremonialwelt, den man sonst als Gaijin eher nicht bekommt. Alles Gute und ganz liebe Grüße aus Setagaya.

    Januar 13, 2012 um 1:13 pm

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